{"id":9,"date":"2007-02-02T16:03:53","date_gmt":"2007-02-02T15:03:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/kroedel\/wp\/?p=9"},"modified":"2007-03-03T17:03:51","modified_gmt":"2007-03-03T16:03:51","slug":"1-brief-fur-2007","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-kroedel.de\/?p=9","title":{"rendered":"1. Brief f\u00fcr 2007"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Buchkritik<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der langen Zeit im Krankenhaus habe ich das Buch \u201eWeltlicher Humanismus \u2013 Eine Philosophie f\u00fcr unsere Zeit\u201c von Joachim Kahl (LIT Verlag Berlin 2006; ISBN 3-8258-8511-9) gelesen. Joachim Kahl versucht hier, eine eigene Philosophie zu entwerfen. Sein Ausgangspunkt ist die Philosophie und das Philosophieren an sich. Er l\u00e4dt ein in das Land der Philosophie. In diesem Land gibt es \u201eDenkfiguren\u201c, \u201eDenkmittel\u201c, \u201cDenkw\u00fcrdigkeiten\u201c \u2013 \u201egeistige Impulse, die uns Anst\u00f6\u00dfe zur Selbsterkenntnis und Welterkenntnis geben\u201c. \u201eDas Reich der Philosophie liegt im gelebten Leben und duftet nach frischer Luft. Es ist eine bestimmte geistige Ebene der Wirklichkeit, eine ideelle Dimension. Sie erschlie\u00dft sich sobald wir nach der Wahrheit fragen, sobald wir unser Tun und Lassen bewusst auf den Pr\u00fcfstand von gut und b\u00f6se stellen, sobald wir einen Sinn f\u00fcr das Sch\u00f6ne in der Welt entwickeln.\u201c Er erkennt \u201edas Hauptorgan des Philosophierens, die menschliche Vernunft.\u201c (ebenda S.1)\u201eDie Probleme der Philosophie erwachsen aus der Stellung des Menschen in Natur und Gesellschaft und beziehen sich auf sie zur\u00fcck.\u201c (ebenda S.2)\u201eDenn Philosophie ist weltanschauliches Orientierungs- und Hintergrundwissen, das in l\u00e4ngeren Zeitr\u00e4umen und gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen zu Hause ist. Philosophie richtet ihr Augenmerk auf das, was in allem Wirbel und Wandel bleibt: auf das, was nicht veraltert, solange es Menschen gibt.\u201c (ebenda S.3)\u201eJeder Mensch hat und braucht eine Weltanschauung.\u201c (ebenda S.14)<\/p>\n<p>Soweit vielleicht zum Einstieg in dieses leicht verst\u00e4ndlich geschriebene Buch. Ich m\u00f6chte nur anmerken, das alle B\u00fccher der Philosophie von lebenden Menschen, verwurzelt in ihrer jeweiligen Lebenszeit, geschrieben wurden. Es gibt Grundwahrheiten und gesellschaftliche Normen in der jeweiligen Zeit, Erkenntnisse der Wissenschaften und Schlussfolgerungen des Bewusstseins, die einander bedingen. Die Bewertungskriterien k\u00f6nnen sich \u00e4ndern, weiterentwickeln, innerhalb einer Gesellschaft. Gesellschaften k\u00f6nnen neue Qualit\u00e4ten annehmen. Der Mensch selbst entwickelt sich vom hilflosen Baby zur denkenden Kreatur und unterliegt somit einem st\u00e4ndigen Lernproze\u00df. Aus meiner Ansicht hat jeder Mensch seine eigene Philosophie, die aus seinem Ich entsteht und sich mit ihm formt. Eine Gesellschaft ist also ein Konzentrat vieler Philosophien der Einzelwesen. Werden die Regeln, oder juristischen Gesetze, so angelegt, das ein Zusammenleben von Milliarden Menschen erm\u00f6glicht wird und das dies mit einer gro\u00dfen \u00dcbereinstimmung der Mehrheiten der philosophischenEinzelmeinungen erfolgt, k\u00f6nnen wir von einer freiheitlichen Gesellschaft sprechen. Soweit noch von N\u00f6ten sind solche Staaten zutiefst demokratisch und human. Das gab und gibt es in der bisherigen Geschichte der Mensch nicht, es ist eine Utopie geblieben.<br \/>\nJoachim Kahl verwendet hier die Begriffe Skepsis und Vision (S.21 ff). Eine gesunde Skepsis in allen Bereichen ist angebracht um eine Weiterentwicklung des Menschen und seiner zeitlich bedingten Gesellschaftsstruktur zu erm\u00f6glichen. Visionen sind das \u201eW\u00fcnschenswerte\u201c. \u201eWer heute die gesellschaftlichen Grundlagen menschlichen Lebens erhalten will, muss die Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndern, die sie bedrohen. Diese Dialektik von Skepsis und Vision ist die geistige Grundlage eines belastbaren Humanismus auf der H\u00f6he der Zeit.\u201c (ebenda S. 25)\u201e Die Teilnahme m\u00f6glichst vieler, tendenziell aller Menschen an einem guten Leben in Freiheit und Wohlstand, in Gerechtigkeit und Demokratie, in Gesundheit und Sicherheit ist der politisch-gesellschaftliche Kernbereicheiner humanistischen Vision. Er l\u00e4sst sich nur verwirklichen auf der Grundlage einer erfolgreichen und vielfach bew\u00e4hrten \u00d6konomie, das heist einer Marktwirtschaft, die sich in einem rechts- und sozialstaatlichen Ordnungsrahmen entfalten kann.\u201c (ebenda S. 33)<br \/>\nHier irrt der Autor m.E. v\u00f6llig. Marktwirtschaft ist die \u00d6konomie des Kapitalismus. Sein Wesensmerkmal ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Prinzip der Unterdr\u00fcckung, der Entfremdung. In einem solchen Rahmen sind weder Demokratie noch Freiheit und kein Humanismus f\u00fcr die breite Masse lebensf\u00e4hig. Erst mit der Ver\u00e4nderung der \u00f6konomischen Basis kann sich eine freie menschliche Gesellschaft entwickeln. Was wir tun k\u00f6nnen ist der t\u00e4gliche Klassenkampf, um wenigstens Grundrechte vor dem Staat als Marionette des Kapitals zu ertrotzen. Der heutige Imperialismus als Folge des sterbenden Kapitalismus ist und bleibt zutiefst unhuman. Visionen \u00e4ndern an diesen Tatsachen ebenso wenig wie etwa Religionen, hier sind Revolutionen von N\u00f6ten, um die gesamtgesellschaftliche Umw\u00e4lzung der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse und damit die Erreichung oben genannter Ziele, zu verwirklichen. Ans\u00e4tze dazu finden sich nach gr\u00fcndlicher Analyse des Kapitalismus im Marxismus, den Joachim Kahl in einem Zuge mit Religionen ausspricht der Kritik nach, was ich ebenfalls bestreite. Der erlebte Sozialismus war nicht die Umsetzung des Marxismus in die Praxis, hat diesen wegen der Benutzung vieler Gedanken zu hohlen Phrasen und Dogmen aber gewaltig im Ansehen geschadet. Es handelt sich nicht um eine Heilslehre, sondern um die Umsetzung der Visionen des Autors, die den meinigen weitgehenst entsprechen.<br \/>\n\u201eDie Welt \u2013 das heist die Totalit\u00e4t des Seienden, \u00fcber die hinaus nichts Umfassenderes gedacht werden kann \u2013 wird verstanden als ein gewaltiger Naturzusammenhang, in sich vielf\u00e4ltig untergliedert und abgestuft.\u201c (ebenda S. 37) Joachim Kahl ist der Materialismusbegriff zu eng, es g\u00e4be in ihm eine \u201enichtmaterielle Realit\u00e4tsebene.\u201c (ebenda S. 39)<br \/>\nDer von ihm hierf\u00fcr verwendete Begriff des Naturalismus beinhaltet aber f\u00fcr mich gerade diesen dialektischen Materialismus. Das unendliche Universum hat weder einen Anfang noch ein Ende, endlich sind nur seine Formen \u2013 wie z.B. das menschliche Leben. Materie hat das Primat vor dem Bewusstsein, welches sich im Sein des Menschen entwickelt (durch die biologisch bedingte Struktur des Gehirnes \u2013 durch Tasten, F\u00fchlen, Sehen usw.; durch den Austausch von Gedanken vermittels der Sprache oder durch das Studium fr\u00fcherer Schriften) entsteht der eigene Gedanke, der eigene Schlu\u00df, es entsteht ein eigenen Bewu\u00dftsein, welches die eigene Philosophie begr\u00fcndet und eine Kommunikation zwischen den Menschen zwecks Erfahrungsaustausch erm\u00f6glicht. Moderne Medien erm\u00f6glichen in kurzer Zeit eine Menge an Informationen zu empfangen und zu versenden. Mit dieser Nachrichtenflut aus den K\u00f6pfen anderer Menschen mu\u00df sorgsam umgegangen werden, zu leicht f\u00fchren sie zu einem Konsumrausch und in unwissenschaftliche seligmachende Ausw\u00fcchse.<br \/>\n\u201ePflanzen und Tieren ist das Leben gegeben, Menschen ist es gegeben und aufgegeben: sie m\u00fcssen ihr Leben nicht nur leben, sie m\u00fcssen ihr Leben f\u00fchren\u2026..Sie alle m\u00fcssen sich als Naturwesen in der Natur behaupten, ihren Stoffwechsel mit der Natur organisieren, sich Nahrung suchen. Der Mensch greift dabei nicht nur auf materielle Ressourcen zur\u00fcck, sondern \u2013 gem\u00e4\u00df seiner komplex entwickelten Art \u2013 auch auf geistige Ressourcen. Seine Natur \u00fcberschreitet sich, entfaltet sich, gestaltet sich als Kultur.\u201c (ebenda S.61)<br \/>\nAls Skeptiker mu\u00df ich an dieser Stelle fragen, wer denn den Pflanzen und Tieren das Leben gegeben hat und wer dem Menschen etwas aufgeben kann. Aus meiner Sicht ist das Leben ein Produkt chemisch \u2013 biologischer Evolution. Es entwickelt sich vom Niederen zum H\u00f6heren (keineswegs gradlinig, wie viele ausgestorbene Arten beweisen) an Hand der Umweltbedingungen, die zu dieser Zeit an dieser Stelle herrschen. So kann man die Spezies Mensch als ein Produkt eines langen Entwicklungsweges bezeichnen, das durch seine F\u00e4higkeiten am besten mit den gegenw\u00e4rtigen Erscheinungsformen der Natur zurecht kommt und dessen Gehirn als Produkt eines langen Reifeprozesses Denkprozesse erm\u00f6glicht. Dies am Begriff Kultur einzuengen, scheint mit vage, es ist jedenfalls mehr, als ich unter Kultur verstehe.<br \/>\nAuf diesen Seiten des Buches geht es auch um den Freiheitsbegriff. \u201eFreiheit ist eine Morgengabe der Natur\u2026Insofern hat Freiheit ein Doppelgesicht. Sie ist eine Naturgegebenheit und zugleich eine t\u00e4glich neu zu meisternde kulturelle Aufgabe.\u201c (ebenda S. 60)<br \/>\nTrifft Freiheit also nicht auf Tiere zu, die in freier Wildbahn lebten? Freiheit ist doch immer als Freiheit von etwas und Freiheit f\u00fcr etwas zu verstehen. Sie ist nach Hegel die Einsicht in das Notwendige, also ein gesamtnat\u00fcrlicher Proze\u00df, den aber nur die Menschen f\u00fcr sich nutzen zur Willensfreiheit. Das bleibt solange ein Traum, bis es in der Realit\u00e4t umgesetzt wird. \u201eDie Freiheit des Geistes in allen Ehren, sie aber bleibt ohnm\u00e4chtig, wenn sie sich nicht in der Praxis ent\u00e4u\u00dfern kann.\u201c (ebenda S.62)<br \/>\nDas setzt wiederum gesamtgesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse voraus, die das innerhalb der Naturgesetze auch erm\u00f6glichen und diese kann sich nur der Mensch als gesellschaftliches Wesen erschaffen.<br \/>\nIm folgenden Text (S. 66 ff) geht es um den Begriff der Metaphysik, den der Autor versucht, wiederzubeleben, indem er ihm alles mythischen zu entkleiden versucht. \u201eMetaphysik, die, idealistische Lehre vom Wesen des Seienden, das abgetrennt von der Sinneserkenntnis, jenseits der Erfahrungswelt in eine \u00fcbersinnlichen Sph\u00e4re existieren soll.\u201c (Georg Biedermann, \u201eLexikon des freien Denkens\u201c Angelika Lenz Verlag)<br \/>\nDaran kommt auch Joachim Kahl nicht vorbei. Der Begriff ist eben idealistisch determiniert und selbst gro\u00dfe Philosophen wie Kant und Hegel, die uns manchen wichtigen Lehrsatz auf den Lebensweg mitgaben, scheiterten an diesem Problem mit ihrer gesamten Lehre. Erst den Materialisten Feuerbach gelang der Durchbruch, dass es keine \u00fcbersinnliche Sph\u00e4re des Denkens gibt. Alles Gedachte stammt vom Menschen ab, auch die G\u00f6tter. So schreibt der Autor auch richtigerweise: \u201eErst im Menschen ist ein Lebewesen entstanden, das Fragen stellt, Fragen stellen mu\u00df, um sich zu orientieren: Was ist das? Wo bin ich? Wer bin ich? Was ist die Welt?\u201c (ebenda S. 80) \u201eDas menschliche Subjekt mag sich noch so sehr aufspreizen, es ist und bleibt ein winziger Teil der Welt und nimmt unvermeidlich einen innerweltlichen Platz ein.\u201c (ebenda S.81) Unstreitbar sind die Aussagen zur Religion \u201eReligion ist kein notwendiger Bestandteil des menschlichen Lebens, keine unverzichtbare Dimension unseres Geistes\u2026\u2026\u2026\u2026..Noch nicht durchschaubare Zusammenh\u00e4nge wurden durch phantasievolle Konstruktionen ersetzt.\u201c (ebenda S.87) \u201eReligion ist eine irrige und verzerrte Wahrnehmung der Dinge und meiner selbst, Ausdruck menschlicher Entfremdung.\u201c (ebenda S. 88) \u201eReligion ist und bleibt nur eine menschliche M\u00f6glichkeit.\u201c (ebenda S.89)Daraus ergibt sich: \u201e Eine staatlich verordnete oder nur beg\u00fcnstigte Religion ist ohne sich damit ebenso ausgeschlossen wie eine staatlich gef\u00f6rderte Religionslosigkeit. Gem\u00e4\u00df dem rechtsphilosophischen Prinzip der Nichteinmischung unterwirft sich der Staat in Bezug auf Religion und Weltanschauung dem Diskriminierungs- und Privilegierungsverbot. In staatlichen und kommunalen Geb\u00e4uden sind daher nur staatliche und kommunale Symbole gestattet. Christliche Kreuze beispielsweise an den W\u00e4nden von Schulen, Gerichten, Amtsstuben, Parlamentss\u00e4len, Friedhofshallen verletzen das Gebot der Gleichbehandlung und benachteiligen alle Nichtchristen.\u201c (ebenda S. 111)Ein Grundsatz, dem sich die Freidenker verpflichtet sehen. Gleiches gilt f\u00fcr die Bildung. \u201eStatt Kinder und Jugendliche im staatlichen Erziehungs- und Bildungsbereich nach einer vermeintlichen religi\u00f6s-weltanschaulichen Zugeh\u00f6rigkeit zu registrieren und bei Bedarf zu separieren, schlage ich eine andere Reglung vor. Ich beziehe mich zwar hier vornehmlich auf die Schule, sie ist aber sinngem\u00e4\u00df \u00fcbertragbar auch auf andere p\u00e4dagogische Einrichtungen:<\/p>\n<p>Ein verbindliches Unterrichtsfach f\u00fcr alle.<br \/>\n&#8211; Christentum f\u00fcr alle.<br \/>\n&#8211; Islam f\u00fcr alle.<br \/>\n&#8211; Judentum f\u00fcr alle.<br \/>\n&#8211; Buddhismus f\u00fcr alle.<br \/>\n&#8211; Religions- und Ideologiekritik f\u00fcr alle.<br \/>\n&#8211; Weltlicher Humanismus f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Das soll hei\u00dfen ein Fach \u201eReligions- und Weltanschauungskunde\u201c, ein Fach ohne konfessionellen oder konfessorischen Charakter, ein Fach f\u00fcr alle ohne Pflicht, sich eigens anzumelden und ohne M\u00f6glichkeit, sich abzumelden.\u201c (ebenda S.113)<br \/>\nIm Land Brandenburg wird in einem, von Kirchenkreisen immer wieder umstrittenen, Modellversuch das Fach \u201eLebenskunde, Ethik, Religion\u201c gelehrt, welches eben diesen Zielen gerecht werden soll.<br \/>\nIm Abschnitt 7 geht es dann um den Sinn des Lebens (S. 122 ff). \u201eAufgabe der Philosophie ist es, den allgemeinen Sinnhorizont der menschlichen Existenz aufzuzeigen. Aufgabe des einzelnen Menschen ist es, den Sinn des je eigenen Lebens zu finden, zu formulieren, zu verwirklichen.\u201c (ebenda S. 124)\u201eDer Sinn des Lebens bemisst sich an der Leitidee vom guten, richtigen Leben. Um diese Leitidee kreisen die Anstrengungen der Philosophie seit Aristoteles und Konfuzius. Die Summe ihrer \u00dcberlegungen mache ich mir \u2013 in meinen eigenen Worten \u2013 so zu eigen: Du gibst deinem Leben Sinn, wenn du es in ein gr\u00f6\u00dferes Ganzes einf\u00fcgst, einbringst. Dein Leben empf\u00e4ngt seinen Sinn, seinen Wert, seine Bedeutsamkeit durch bewusste Teilhabe an einem \u00fcbergreifenden Ganzen.\u201c (ebenda S. 125)<br \/>\nBei den Leitideen, die einen Menschen innerhalb einer bestimmenden Natur und einer Gesellschaft antreffen, kann auch Fehlerhaftes vermittelt werden. Das war z.B. beim Faschismus der Fall, dem viele Menschen verblendet zujubelten. Auch sie identifizierten sich mit der Gesellschaftsstruktur und deren Leitbildern.<br \/>\nLeitideen m\u00fcssen vom Kopf des Einzelwesens wirklich in ihre Bestandteile gut oder b\u00f6se zerlegt und bewertet werden. Es gibt eben nicht das Leitbild f\u00fcr gutes und richtiges Leben, es gibt aber menschliche Normvorstellungen als Reifeproze\u00df in den jeweiligen Gesellschaftsformationen, die gut und richtig darstellen.<br \/>\nMeinen Sinn des Lebens kann ich nur in meinem Leben finden, so auch die Bewertungskriterien f\u00fcr gut und b\u00f6se. Passen diese mit den Leitideen der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft zusammen, lebe ich in Freiheit. Ist das aber nicht der Fall wie bei mir und dem gegenw\u00e4rtigen Stadium des Imperialismus, mu\u00df ich mich trotzdem in die Gesellschaft einordnen, meine pers\u00f6nliche Freiheit (nicht die des Denkens) wird beschr\u00e4nkt.<br \/>\nIn den folgenden Texten geht es dem Autor um die Verteidigung der Dialektik, den logischen und dialektischen Widerspr\u00fcchen und den Kategorien Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t. Am dialektischen \u201ePraxismodell: Einheit von Bewahren und Ver\u00e4ndern\u201c (S. 145 ff) legt Joachim Kahl die dialektischen Wurzeln des sich Widersprechens und des sich gleichzeitigen Bedingens dar. Anschlie\u00dfend geht es um das Notwendig und das Zuf\u00e4llige als bekanntes philosophisches Kategorienpaar. In meiner Philosophie gibt es keinen Zufall.<br \/>\n\u201eDie philosophische Verallgemeinerung lautet: Ein Zufall ist ein beliebiges, unberechenbares, nicht vorhersehbares Geschehen, aber kein ursacheloses, kein grundloses, kein akausales Geschehen. Ein Zufall hat seinen Grund, wie alles seinen Grund hat in den Zusammenh\u00e4ngen, in denen es vorkommt. Im Unterschied zu absichtsvollen menschlichen Handeln ereignet sich ein Zufall absichtslos, motivlos, ziellos, teilnahmslos, gef\u00fchllos, auch wenn keinesfalls, wie schon betont, ursachelos.\u201c (ebenda S. 162\/163)<br \/>\nHierin sehe ich einen Widerspruch. Alles ist eine Folge von Notwendigkeiten auch wenn wir das Ergebnis nicht voraussagen k\u00f6nnen, nicht berechnen, also uns nicht nutzbar machen k\u00f6nnen, wie das am Beispiel des von Joachim Kahl gew\u00e4hlten W\u00fcrfelspieles der Fall ist. Der W\u00fcrfel hat sein Gewicht, seine Ma\u00dfe, seine Schwere. Er wird von der Hand aufgenommen und mit einer bestimmten Energie \u00fcber eine Fl\u00e4che mit bestimmten Eigenschaften gerollt, soda\u00df er genau in der Position, die die Naturgesetze vorschreiben, zu liegen kommt. Alles eine logische Folge von Notwendigkeiten und eben kein Zufall.<br \/>\nGut und b\u00f6se werden in den Rang eines ethischen Kategorienpaares erhoben.<br \/>\n\u201eIch empfinde Genugtuung darin, einen pers\u00f6nlichen Beitrag zu leisten zu einer menschenfreundlichen Welt. Damit entspreche ich meinem Selbstbild als einer humanistischen Pers\u00f6nlichkeit\u201c (ebenda S. 182)<br \/>\nEs gibt also kein gutes oder b\u00f6ses Menschenbild, sondern nur gute oder b\u00f6se Handlugen immer am Entwicklungsgrad des gesellschaftlichen, gegenw\u00e4rtigen Lebensabschnittes, gemessen. So waren die zehn Gebote des Moses Verhaltensnormen der damaligen Zeit, auch wenn sie, wie vom Autor bewiesen, allgemeing\u00fcltige Kerngedanken bis heute aktuell, besitzen. \u201eHabe Respekt vor dem Zeitrhythmus von sechs Tagen Arbeit und einem Tag Ruhe\u2026\u2026Habe Respekt vor deinen Eltern. Denn ihnen verdankst du dein Leben\u2026. Habe Respekt vor der Ehe und vor der Ehe anderer\u2026\u2026.Habe Respekt vor dem Leben. Denn es ist zerbrechlich und wird uns nur einmal verliehen\u2026.Habe Respekt vor der Wahrheit. Habe den Mut zur Wahrheit! Verdrehe nicht die Wahrheit!\u2026\u2026\u2026Habe Respekt vor dem Eigentum. Verteidige, pflege und genie\u00dfe dein Eigentum und gew\u00e4hre anderen das Ihre.\u201c (ebenda S. 191 \u2013 193)So in die eigenen Worte gekleidet ist die heutige Aktualit\u00e4t leicht ausmachbar. Sie findet ihren Niederschlag in dem anschlie\u00dfend beschriebenen \u201eGentleman-Ideal\u201c (S.194 ff). Da ich als deutscher B\u00fcrger eines deutschen Staates auch die deutsche Sprache pflege, habe ich f\u00fcr mich den Begriff mit \u201eWeltmensch\u201c \u00fcbersetzt, ohne die Inhalte zu ver\u00e4ndern. Ab S. 198 sind die \u201evier Leitmotive\u201c; \u201eSelbstbehauptung, Selbstbegrenzung, Fairness, gesunder Menschenverstand\u201c erl\u00e4utert. Es geht m ein Menschenbild der Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle, Selbstachtung. \u201eTr\u00e4ger des Gentleman- Ideals ist eine geh\u00e4rtete, nicht eine verh\u00e4rtete Pers\u00f6nlichkeit. orientiert am langfristigen und ganzheitlich verstandenen Erfolg im Leben.\u201c( ebenda S. 198)<br \/>\n\u201eMit einem abschlie\u00dfenden Satz gesagt: Gesunder Menschenverstand ist gelebte Einsicht: Man lernt nie aus\u201c (ebenda S. 202)<br \/>\nEin solcher Mensch pr\u00e4gt sich durch H\u00f6flichkeit in der Einheit von Ethik und \u00c4sthetik, in gesunden Familien, wo beide Eltern bereits den Kindern die Achtung vor dem Leben, dem eigenen wie dem der Anderen anerziehen. Es entstehen im Reifeprozess entwickelte Pers\u00f6nlichkeiten bewusst sich in die Gesellschaft einbringend. Eltern und so f\u00fcge ich hinzu, P\u00e4dagogen, bed\u00fcrfen hierzu einer st\u00e4ndigen Schulung und Fortbildung. (S.202 ff)Es folgt eine Wiederaufwertung des Freundschaftsbegriffes (S. 212 ff), in der heutigen Zeit \u201ebr\u00f6ckelnder Beziehungsf\u00e4higkeit\u201c. \u201eEin Mensch, der nicht nur Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Kollegen kennt, sondern den Umgang mit Freunden pflegt, f\u00fcgt seinem Leben ein starkes Gl\u00fccks- Zufriedenheitsferment bei.\u201c (ebenda S. 212)<br \/>\n\u201eAuch Liebe kann in Freundschaft \u00fcbergehen, und zwar nicht erst, wenn sie erloschen ist, sondern als deren Reifestufe. Eine langj\u00e4hrige eheliche Liebe tr\u00e4gt Z\u00fcge der Freundschaft. Ernst Bloch ist zuzustimmen, wenn er schreibt, Freundschaft sei `das wichtigste St\u00fcck einer auf Dauer und Gewohnheit angelegten Liebe; so gehen die meisten Ehen nicht aus mangelnder Liebe, sondern aus mangelnder Freundschaft zugrunde`\u201c (ebenda S. 213)\u201eFreundschaft ist Verbundenheit in der Struktur der Komplementarit\u00e4t, der Erg\u00e4nzung im Unterschied. Sie erfordert keine \u00dcbereinstimmung in allen Fragen und in jeder Hinsicht, sondern die Bereitschaft, die Auffassungen des oder der anderen zu respektieren. \u2026\u2026\u2026\u2026. Dank ihrer inneren Architektur, die N\u00e4he vermittelt, ohne Eigenst\u00e4ndigkeit preiszugeben, bewirkt Freundschaft in der Regel die Steigerung der Lebensfreude, der Lebensintensit\u00e4t, der Lebenst\u00fcchtigkeit. Eben dieser Vorz\u00fcge wegen werden Freundschaften begehrt und begr\u00fcndet.\u201c (ebenda S. 218)In dieser wertorientierten Weise f\u00fchrt uns der Autor in das Feld der \u201eSexualit\u00e4t \u2013 Ehe \u2013 Familie\u201c (S. 221 ff) Es ist eine Betrachtung auch \u00fcber den \u201ebiologischen und sozialen Vorrang von Heterosexualit\u00e4t gegen\u00fcber Homosexualit\u00e4t\u201c (S.223)<br \/>\n\u201eNur Familien mit Kindern garantieren die Abfolge der Generationen, sichern den Nachwuchs der Gesellschaft, schaffen das Rekrutierungsreservoir ihrer Sozialsysteme.\u201c (ebenda S. 223)\u201eEhe und Familien sind keine Auslaufmodelle eines untergehenden Zeitalters, sondern unverzichtbare humanistische Leitbilder f\u00fcr das Zusammenleben der Geschlechter und Generationen.\u201c (ebenda S. 230)<br \/>\nSexuelle Lust ist demnach eine Steigerung der Gef\u00fchlswelt f\u00fcr das jeweilige Paar und damit eine Bereicherung an Lebenswert. Dies strahlt dann auch auf die Gesellschaft aus und schreibt ein moralisches Ethos gegen die scheinbare, schier schrankenlose sexuelle Freiheit in ihren tr\u00fcgerischen, schillernden Scheinkulissen.Im letzten Abschnitt des Buches stellt Joachim Kahl seinen Weg vom Theologen zum Marxisten und seinen R\u00fcckzug davon dar. Er m\u00f6chte, soweit ich ihn hier verstehe \u201edie kapitalistische Marktwirtschaft und den parlamentarisch- demokratischen Rechtsstaat\u201c nicht \u201ezu Gunsten einer vermeintlich h\u00f6heren Form des Zusammenlebens aufheben.\u201c (ebenda S. 251) Er erteilt jedem Lagerdenken eine Abfuhr. \u201eIch denke und schreibe f\u00fcr anspruchsvolle Menschen \u2013 ohne Eiferertum, aber mit Sendungsbewusstsein. Was ich vermittle, sind orientierungsstarke Ideen f\u00fcr das richtige Leben in Zeiten gesteigerten Orientierungsbedarfs.<br \/>\nDie Treue zur Wahrheit steht dabei h\u00f6her als die Treue zu mir selbst.\u201c (ebenda S. 253)<\/p>\n<p><strong>Schlussbemerkung von mir:<\/strong><\/p>\n<p>Joachim Kahl ist ein Mensch, der verschiedene Theorien studiert hat und nun seine eigene Theorie als Philosophie vorstellt. Dabei verwendet und interpretiert er alte und neue Begriffe, f\u00fcllt sie mit seinen eigenen Gedanken und formuliert daraus allgemeing\u00fcltige Lehrmeinungen, die in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft Bestand haben sollen. Es ist sein Produkt bei der Suche nach allgemeing\u00fcltigen Wahrheiten und er bietet es an, dass es sich viele Menschen aneignen, davon lernen.Ich bin Elektromonteur, also philosophischer Laie und habe hier ebenfalls meine eigenen Gedanken dagegengesetzt. Ich stimme mit vielen Passagen des Buches \u00fcberein, habe sicher einiges nicht verstanden.Ein Grundsatz trennt uns aber unerbittlich: ich finde nichts Humanistisches und Erhaltenswerten am Kapitalismus. Hier ist und bleibt trotz aller Phrasen von sozial oder freiheitlich &#8211; demokratisch der Mensch entfremdet. Auch eine gesunde Familienpolitik oder Sexualmoral sind hier nur als Einzelleistung m\u00f6glich, die Gesamtgesellschaft versagt ihre Anspr\u00fcche kl\u00e4glich. Deshalb gehe ich nach wie vor von einem Gesellschaftsgebilde aus, wo es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gibt, wo also die Entfremdung aufgehoben wird und Frieden, sowohl der \u00e4u\u00dfere der V\u00f6lker untereinander; als auch der innere Frieden des Menschen f\u00fcr sich und in der Gesellschaft, zum Normalzustand wird. Das ist keine idealistische Heilsbotschaft, sondern machbare Zukunft, meine Vision.<\/p>\n<p><strong>Dezember 2006<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Buchkritik W\u00e4hrend der langen Zeit im Krankenhaus habe ich das Buch \u201eWeltlicher Humanismus \u2013 Eine Philosophie f\u00fcr unsere Zeit\u201c von Joachim Kahl (LIT Verlag Berlin 2006; ISBN 3-8258-8511-9) gelesen. Joachim Kahl versucht hier, eine eigene Philosophie zu entwerfen. 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